Galeristin Sandra Kramer hält „Fraise Sauvage“ von Svenja Maaß,

Galerist Georg Molitoris „Ah“ von Ian Mc Allister

Foto: Andreas Laible

Donnerstag, 14. November 2013

KULTUR Hamburger Abendblatt 17 . . . THEATER . MUSIK . FILM . BUCH . KUNST . SZENE . TV . MEDIEN . . .

TOM R. SCHULZ , Hamburg:

„Wat dem een sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall, heißt es in der Mundart unserer schönen Stadt, wenn mal wieder die Verschiedenartigkeit der Geschmäcker in Rede steht. Nach der erfolgreichen Vernissage der Kunstmesse „Affordable Art Fair“ (AAF) am Mittwochabend wird sich wohl wie schon bei der Premiere vor einem Jahr in Sachen bezahlbare Kunst wieder viel November-untypisches Nachtigallengeschlage in die Nacht über Hamburg erheben.

Das frohe Gezwitscher, das dann anhalten dürfte bis zum Sonntag, wenn die AAF wieder schließt, gilt der Chance, in einer riesigen Messehalle Kunstwerke einzukaufen, die nicht weniger als 100 und nicht mehr als 5000 Euro kosten dürfen.

Aus einem noblen Loft in Eppendorf tutet um so finsterer die Eule, der Galerist Thomas Levy. „Schrecklich“ fand er die AAF, als er sich 2012 bei der Vernissage mit Menschenmassen durch die Gänge zwischen den Galeristenständen zwängen musste. „Ich war entsetzt über die Qualität dessen, was da zu sehen war. Allein das Wort schon! Affordable!! Das klingt so – billig. Na schön, ein paar hatten auch gute Sachen, aber das Gros: unterirdisch.“ Levy hat gut reden. Er hat Künstler von Weltrang im Portfolio. Und seine Klientel kauft und lebt in einer ganz anderen Liga als Otto Normalkunstkäufer.

Dass es diese Spezies überhaupt gibt, den Normalkunstkäufer oder besser: den Erschwinglichekunstkäufer, und dass dieser Typus zudem massenhaft in Hamburg vorkommt, das war die große Sensationsüberraschung der AAF-Premiere 2012. „Ich war ziemlich früh zur Vernissage gegangen“, erinnert sich die Galeristin Sandra Kramer. „Schon als ich auf die Halle zulief, kamen mir die Leute scharenweise mit frisch gekauften Bildern unterm Arm entgegen.“ Das Urteil der Kunsthändlerin über den Outlet-Charakter dieser Messe, die zudem mit einer stadtflächendeckenden, grell pinken Plakatattacke für sich warb, war zunächst ähnlich abfällig wie das Levys. Aber von weniger zimperlichen Kollegen, die schon beim ersten Mal einen Stand gemietet hatten, hörte sie nur Gutes über die Veranstaltung, nicht zuletzt über viele und gute Geschäfte. „Und dann habe ich mir gedacht, ich spring jetzt mal über meinen Schatten und mache Schluss mit diesem elitären Kunstanspruch.“ Statt also weiter einsam in ihren 35 Quadratmetern in der Altstädter Straße, wo sie seit dreieinhalb Jahren ihre Galerie Kramer Fine Art betreibt, auf Kundschaft zu warten, buchte Kramer in diesem Jahr selbst einen Stand auf der Affordable Art Fair. Es ist nicht nur ihre erste Teilnahme auf der AAF, es ist ihre erste Messe als Ausstellerin überhaupt. Da steht sie nun in ihrer 15 Quadratmeter großen, weiß getünchten Kabine und hängt und verwirft und probiert und nagelt und grübelt. Werke von sechs ihrer zehn Künstler will sie feilbieten, das preiswerteste Stück zu 250 Euro. Mit Rahmen. Mithilfe einer kleinen Zwischenwand, die wie die dafür anzumietenden Punktstrahler an der Decke extra kostet, will Kramer einen etwas intimeren Miniraum zur Kunstbetrachtung schaffen. Eine Sitzgelegenheit für Kunden oder für sich hat sie bei der ersten Fuhre noch gar nicht dabei. Wird sie einen Stuhl brauchen? Besser vielleicht ein kleines Sofa? Kramer fremdelt noch etwas inmitten all der geschäftig ihre Stände bestückenden Galeristen-Kollegen. Wie sie begreift sich wohl jeder ihrer Nachbarn hier als Händler künstlerischer Feinkost. Kollegiale Rivalität beschreibt ihr Verhältnis zueinander. Diskretion ist sonst ihr Geschäft, Fingerspitzengefühl im Umgang mit Künstlern und Kunden unerlässlich, Geduld sehr von Vorteil. Doch hier muss jeder der Galeristen Kompromisse schließen, wenigstens für diese vier Tage. Und wer unterm merkantilen Feingeist den Aale-Dieter in sich entdeckt, hat besonders gute Chancen, die Jahresbilanz durch schöne Verkäufe aufzubessern.

Georg Molitoris, als Galerist in Hamburg seit zehn Jahren im Geschäft und ziemlich messeerfahren, muss lange suchen, um etwas zu finden, dass ihm an der AAF nicht so gut gefällt. Er mag das „junge Auftreten“ der Messe, die ihren Ursprung in London hat und mittlerweile florierende Ableger in 14 Städten Asiens, Amerikas und Europas unterhält. Anders als Thomas Levy nennt Molitoris das künstlerische Niveau vom Vorjahr „sehr ausgeglichen“. Das an die Telekom-Werbung erinnernde Pink in der Werbung missfiel auch ihm als „bisschen billig“, gleichzeitig findet er das Plakative daran richtig: „Das ist eben nichts Hochtrabendes.“ Er hat viele Leute beobachtet, die sich vor den Ständen ganz unverblümt über Gefallen oder Nichtgefallen von Kunstwerken ausgetauscht haben, etwas, das der normale Galeriebesucher kaum zu tun wagt. Überhaupt, die Galerie: Wie wir sie kennen, ist sie für Molitoris „ein bisschen durch“. Er konzentriert seine Ausstellungsaktivitäten lieber auf zwei Wochen als künstlerischer Raumbespieler im Oberhafen oder auf Events wie das Gallery Week End, statt übers Jahr Schauräume zu finanzieren, in die sich manchmal tagelang kein Kunde verirrt.

„Kunst muss an Kunst andocken“, lautet sein Glaubenssatz. Die Räume seiner Georg Molitoris Galerie in Eimsbüttel hat er deshalb konsequent vor knapp zwei Jahren aufgegeben und dem aufstrebenden Hamburger Maler Felix Eckardt überlassen, den er vertritt und der sie nun als Atelier nutzt. Wer glaubt, auf der Affordable Art Fair den Grundstein für sein Vermögen als Sammler zu legen, sitzt, so sieht es jedenfalls Georg Molitoris, einem Irrtum auf. „Klar, man kann immer Glück haben. Aber echte Wertsteigerung setzt erst bei Werken ab 10.000, 15.000 Euro ein“, sagt er. „Gucken Sie sich die großen Sammler an: Die kaufen 100 Werke, und vier, fünf von denen werden was.“ Natürlich werden Kunst-Snobs über die AAF weiterhin die Nase rümpfen. Aber was ist falsch daran, wenn ein Normalverdiener, der nach etwas Passendem für die Wand überm Esstisch sucht, sich für das Unikat eines zeitgenössischen Künstlers entscheidet, statt beim schwedischen Möbelhaus nach einem mediokren Kunstdruck zu greifen? Immerhin sichern solche Käufe auch den Künstlern ihr Brot. „Und mir macht es Spaß, wenn Menschen sich so selbst eine Freude machen“, sagt George Molitoris.

Bei einer Standgebühr von 200 Euro pro Quadratmeter hoffen die Händler nun darauf, dass sich der Kaufrausch des Publikums aufs Neue einstellt und sie nicht nur ihre Kosten einspielen, sondern, wie Kerzen- oder Edelsteinverkäufer auf dem Weihnachtsmarkt, hier einen guten Anteil ihres Jahresumsatzes erwirtschaften. Dafür liegt der AAF-Termin sechs Wochen vor Weihnachten ausgesprochen günstig. Hamburger Einzelkämpfer wie Molitoris oder Kramer sind doppelt im Vorteil. Sie müssen nicht auch noch Reise, Hotel und Personal finanzieren. Und zumindest Kramer spekuliert darauf, dass wieder passiert, wovon ihr Kollegen nach der letzten AAF erzählten: Mehr Besucher in ihrer Galerie. Um dem gewachsenen Ansturm an Galeristen aus dem In- und Ausland gerecht zu werden, haben Messe-Initiator Oliver Lähndorf und seine Kuratorin Judith Waldmann Kinderkrippe, Restaurant und den Raum für „Emerging Artists“ in ein Zelt verlegt. „Man darf diese Messe nicht mit der Art Basel oder der Art Cologne vergleichen“, sagt Molitoris.

Allerdings nicht, giftet Thomas Levy. „Hier stellen ja auch nur die aus, die anderswo keiner nimmt.“

Affordable Art Fair, bis So, 17.11., tägl. 11.00 – 18.00, Do, 14.11. Late View 18.00 – 22.00, Messehalle A 2, Eingang Lagerstraße / Tor A 3 Kunst zum kleinen Preis Wo Bilder auch mal weniger kosten als ein gutes Abendessen zu viert: Die Messe Affordable Art Fair lockt zum zweiten Mal in die Messehallen!“

Copyright: Hamburger Abendblatt / TOM R. SCHULZ 2013