Hana Shaikholeslami Kordestan
| 1979 | Geburt in Sanandaj, Iran |
| 1997 - 2001 | Studium der Malerei an der Kunstakademie Sooreh, Teheran; Diplom |
| 2000 - 2003 | freie Mitarbeiterin an der Galerie der Iranischen Kunsthalle in Teheran |
| 2004 - 2006 | Studium Grafik- und Kommunikationsdesign an der Fachhochschule Bielefeld, Fachbereich Gestaltung |
| 2006 - 2008 | Studium Master of Art in Gestaltung an der Fh Bielefeld, Fachbereich Gestaltung; Master |
| seit 2008 | freie Mitarbeiterin in der Kunsthalle Bielefeld, Wochenendworkshop »Farbrhythmen und Formensprache« |
Spuren der Farbträume
von Dekan Dr. Prof. Martin Roman Deppner
I. Wanderungen sind es, die Hana Shaikholeslami Kordestan uns vorschlägt, Wanderungen durch die Farben ihrer Träume. Es sind aber auch Wanderungen zwischen den Kulturen – zwischen Orient und Okzident. Diese haben sich in den Gemälden der aus dem Iran stammenden und seit 3 Jahren in Bielefeld lebenden Malerin, zunächst einmal in zarten Farbzonen und Farbverläufen niedergeschlagen, materialisiert.
Das können wir bereits bei der ersten Begegnung und Anmutung erkennen. Was zum Bild mittels Farbauftrag auf Leinwand sich verdichtet, sind mannigfaltige Differenzierungen der Farbnuancen und Handgriffe. Was zur Anschauung und zur Aufnahme ins Bildgedächtnis freigegeben wird, resultiert aus einer Wanderung durch das imaginäre, immaterielle und individuelle Unbewusste, das auf der Suche nach dem Verbindenden zwischen den abend- und morgenländischen Kulturen die Farbe als Kommunikationsgrund erkennt.
Wir werden gewissermaßen Spuren ansichtig, die sich in den Farbnuancen überschneiden: Der Farbenzauber des Orients, der seit dem 19. Jahrhundert zahlreiche Meister der Farbe, wie Eugène Delacroix z.B. – begeisterte, trifft auf die Melancholie der dunklen Beweggründe, die so oft das europäische Temperament auszeichnet.
Nun erscheint es stets als ein Widerspruch, wenn man immaterielle, atmosphärische Welten, materiell fassbar zu machen sucht. Aber es folgt aus diesem Vorgang auch eine Reibungsfläche des Disparaten, die die Fantasie beflügelt. Versatzstücke des Surrealen begegnen Farbexplosionen der Abstraktion, verknüpfen sich zu Bildwelten meditativen Zuschnitts.
Bekannte Bildklischees und herkömmliche Kompositionsregeln treten in den Gemälden der Künsterin Hana Shaikholeslami Kordestan darüber hinaus in eine dialogische Konstellation. Es ist die Artikulation eines Zwischenzustandes, in dem die Zeichengebung von einem Befund – wie die Wanderungen durch die Kulturen in Traum und Wirklichkeit – sich einer konkreten und allgemeingültigen Bezeichnung entzieht, was u.a. ins Gedächtnis rufen mag, daß ein Traum kein Verkehrsschild mit genauer Zielangabe ist.
Dabei scheint vieles bekannt und greifbar, assoziierbar mit von Nebeln verhüllten Landschaften, Gegenstandsresten Menschenbildern oder bereits gesehenen Farbabstraktionen.
II. Das uns die Gemälde Hana Shaikholeslami Kordestan mit ihrem Farbzauber – gewissermaßen als zwischen bekannter und unbekannter Welt – zwischen Nähe und Ferne oszillierende Stimmungsträger erscheinen, deutet jedoch auf etwas anderes, auf eine Spur nämlich, die kein Zeichen ist, eine, die zwar etwas bekundet und somit Anwesenheit, »Dasein« anmeldet, zugleich dieses Phänomen jedoch nicht der Ergründung preisgibt, eine Spur mithin, deren Absender sich entzogen, verborgen hat, der vorübergegangen ist.
In diesem Mysterium der Spur überschneiden sich Ansicht und Nicht-Ansicht zu einem öffnenden Gestus, der uns gewissermaßen das »entrée« zu den Gemälden bietet. Wer jedoch diesen Eingang übersieht, läuft Gefahr sich müde zu laufen und gleicht jenen Pilgern, die an den entscheidenden Übergangsstellen zu ihrem Reiseziel vorbeigegangen sind.
Hana Shaikholeslami Kordestan offeriert mit ihren Farbspuren im selben Angebot eben auch Traumspuren, die die Farb- und Gegenstandszuordnungen verwischen, lugt doch aus den beständig einen unbekannten Ort umkreisenden Farbräumen manch unausgesprochener Gedanke hervor, der jedoch bei seiner Benennung nicht nur sein Geheimnis verlöre, sondern auch die Geheimnisse der Bildwelten zerfallen ließe.
Die Malerin meidet die grellen, Signal setzenden Farben, die bereits erwähnten Zwischenräume erhalten durch ihre Malgesten zusätzlich und vor allen Dingen Farb-Plätze zur Entfaltung, Platz für die Farben selbst. Beim näheren Hinsehen behaupten die Pigmente sich sozusagen erst im zweiten Gang.
Ihre Leuchtkraft entfaltet sich aus der Tiefe der Farbschichten, wodurch eine Tiefenspannung offeriert wird, die erst bei konzentriertem Sehen Kraft freisetzt. Kleinteilige Einsprengsel lockern die Farbgewichte auf, Linien verbinden sich zu Silhouetten menschlicher Körper, die transparent erscheinen. Im Schein der Farben lösen sich die Grenzen auf, Innen und Außen, überlagern sich zum Bild farbigen Zwielichts.
Eine das Sehen mehrlagiger Regionen einklagende Besonderheit sei hervorgehoben: Hana Shaikholeslami Kordestan stellt zunehmend den Gemälden Objekte gegenüber, um sie in einen Dialog zu verknüpfen. Die Objekte resultieren aus der Verbindung der Materialen zivilisatorischen Abfalls, durchsichtige Plastikflaschen und unterschiedlich farbige Kleidungsstoffe. Das durch Erhitzung zunächst verflüssigte und dann erkaltete und erstarrte Material, genutzt zur Einfassung farbiger Stoffe, verschmilzt zu organischen Formen in denen die Farben hervorleuchten.
Die Leistungen anderer Maler, jener des Kubismus und der Farbabstraktionen in Geste und Monochromie, sind der Künstlerin geläufig. Sie schätzt die Verspannungen von Farbe und Körper in den Werken Picassos, die Schwerelosigkeit evozierenden Farbballungen Mark Rothkos und deren meditative Wirkung, aber auch den Anteil nehmenden Realismus einer Käthe Kollwitz.
Der Farbfeldmalerei verdankt sie die ohne Horizont agierende und somit keine illusionierte Räumlichkeit mehr transportierende Flachheit, eine die atmet und pulsiert. Durch das Auftauchen von Zeichnung oder Binnenstruktur gebrochen, tanzen die Farben im Rhythmus der bewegten Farbspuren und Farbsetzungen.
III. Überraschend begegnet hier die Geste der Einladung jene des Rückzugs, die bereits bei der Spur des vorübergegangenen Traumes das Blickfeld strukturierte. An einem solchen Punkt der Erkundung angelangt, fällt der Blick auf die Unregelmäßigkeit der Oberfläche, die sich zu den mit Acrylbinder gebundenen Pigmenten gesellt und in den Nuancierungen von fein bis grob, von hell bis dunkel einen Weg ins Detail und somit in den Mikrokosmos des Bildes anzeigt.
Erreicht wird dieser Effekt durch das vor dem Auftragen der Farbe vorgenommene Einkleben von Versatzstücken unterschiedlicher Materialien. Diese bleiben als tastbare Spur in den Bildern verborgen. Eine selbst angerichtete, zuweilen dünn, zuweilen pastos aufgetragene Ölfarbe lässt zudem diesen Prozess zu einem Ganzen verschmelzen.
Vorbereitet vom Vermischungsprozess selbst, wandelt sich dieser Vorgang zugleich in eine öffnende Konstellation. Durch die Kombination aus Figuration und Stadtlandschaft, aus Linien und Farbflächen, aus Kuben und Kürzeln spinnen sich Erzählungen, derer Verlauf im Spannungsfeld der Kontraste zu Übergängen transformieren.
Die Malerin Hana Shaikholeslami Kordestan begleitet ihre Wanderungen durch die Farb-Träume mit orientalischen Schriftzeichen, die für den Mitteleuropäer zum grafischen Reiz werden, mit geheimnisvoller Anmutung. Diese geschwungenen Kürzel gleichen einer ihren Inhalt verbergenden Schrift, die zum Bild wandelt. Es ist eine Spur des Anderen, die in ihrer Präsenz zum magischen Zauber eines „Sichtbarkeitsgebildes“ sich verdichtet, in welchem die Bildschicht gleichermaßen Impulse nach vorn wie ins Innere enthält und so zu einem bewegenden Impuls gerät.
In Teheran, an der dortigen Akademie für Malerei Sooreh, wurde Hana Shaikholeslami Kordestan zur Malerin ausgebildet. Gegenwärtig verfeinert sie ihre Kunst, durch weiterführende Reflexionen. Sie ist 1979 in Sanandaj geboren und ist kurdischer Herkunft. Ihr Blick auf das für sie fremde Deutschland, zeigt den Übergang zwischen den Welten, zwischen Innen und Außen. Nicht so sehr in den Motiven, sondern in den Farben ihrer Träume und Bilder. Sie schreibt:
»Ich bin mit der Kunst zusammengewachsen. Ich liebe ihre Freiheit. Ich spüre ihre Freiheit. Ich kann die Grenzen mit meinen Händen verschieben. Ich lebe in den Farben. Immer wenn ich etwas Neues höre, erfinde ich eine neue Farbe. Sogar auf meinen Fingernägeln habe ich immer Farbe. In dem Moment, in dem aus dem künstlerischen Schaffen heraus etwas entsteht, werde ich aufgeregt und bin fasziniert. Ich liebe den Geruch der Malerei und die Spuren getrockneter Farbe auf der Leinwand. Mal male ich einen Traum in seiner surrealen Welt, mal einen verrückten Gedanken in seinem abstrakten Traum.«
Zu erinnern ist daran, dass der Orient zunächst von voyeuristischem Interesse war, dann aber zum Einfallstor für das Fremde wurde, als ein wesentlicher Bezugspunkt für die künstlerische Moderne.
Pablo Picassos Schaffen ist davon grundlegend geprägt worden. Ferner ist zu erinnern an die aus Russland eingewanderten Juden, Chagall und Soutine etwa, die Paris zur Weltstadt der Kunstmoderne machten, ebenfalls durch Anstöße von Außen.
Hana Shaikholeslami Kordestan dokumentiert mit ihrem Verständnis von Kunst auf eigene Weise eine das Andere achtende Überlagerung, die im Dialog der Kulturen neue Impulse entdeckt. Sie verweist diesbezüglich erstaunlicherweise auch auf die frühen aus Deutschland bekannten Boten dieses Prozesses, namentlich den von Goethe verfassten West-östlichen Diwan und nicht zuletzt erinnert ihre Kunst an jene Poesie, auf die sich Goethe so begeistert bezog:
»Wer sich selbst und andre kennt, wird auch hier erkennen: Orient und Okzident sind nimmermehr zu trennen«
(Johann Wolfgang von Goethe, West-östlicher Diwan/1819-1827)
Ausstellungen Deutschland:
| 2008 | »Hoch, über den Städten« Galerie Hochschulverwaltung, Bielefeld |
| »Loss of Control«, Grenzgänge zur Kunst von Félicien Rops bis heute, Marta Herford | |
| »Kokon« Objekte und Fotos, Master of Art, Fh Bielefeld, Fachbereich Gestaltung | |
| Präsentation ausgewählter Werke des Wettbewerbs für Nachwuchskünstler Leonardo, Galerie Noah, Augsburg | |
| 2007 | »WeihnArt 08« Artists Unlimited, Bielefeld |
| Kunstraum Rampe als Sommeratrelier auf Zeit, Bielefeld | |
| Preis für herausragendes Engagement internationaler Studierender bei der interkulturellen Verständigung | |
| »Zeichenklasse Geilen«, LWL Klinik Hemer, Hans-Prinzhorn-Klinik, Münster | |
| 2006 | »Exkursion«, ARToll, Rheinische Kliniken, Bedburg Hau |
| »Arbeiten auf Papier«, Westfälisches Zentrum für Forensische Psychiatrie, Lippstadt | |
| »8 Tage im Mai«, Galerie Lampingstr. 3, Bielefeld | |
| »Auf Papier«, Galerie Lampingstr. 3, Bielefeld | |
| 2005 | »Patienten treffen Studenten«, Galerie Lampingstr. 3, Bielefeld |
Ausstellungen Iran:
| 2003 | Jahannama Galerie Niavaran Cultural, Historic Complex, Teheran |
| Gruppenausstellung Daryabeygi Art, Galerie, Teheran | |
| Daryabeygi Art, Galerie, Teheran | |
| 2002 | »Tarh O Rang«, Teheran |
| 2001 | »Painting Exhibition by Sooreh University« Azad Artgalery, Teheran |





