stopped and found
VIVIANE GERNAERT, KIMBERLY HORTON, HELGE EMMANEEL
Skulpturen, Video Installationen, Photographien
Einladung zur Ausstellungseröffnung
am Mittwoch, 17. Februar 2010 um 19:00 Uhr.
Es spricht: Anna Wondrak M.A. | Kunsthistorikerin | München
Ausstellungsdauer: 17. 02. bis 27. 03. 2010

Einführungsrede von Anna Wondrak M.A. | Kunsthistorikerin | München
vom 17.02.2010 in der galerie molitoris:

Viviane Gernaert, geb. 1976, Skulpturen
Nolde-Stiftung
Geboren in München, wuchs Viviane Gernaert in Hamburg auf, wo sie Freie Kunst an der Hochschule für bildende Künste bei Pia Stadtbäumer studierte. Die wichtigste Inspirationsquelle für ihre Arbeiten sind zeitgenössische Filme aus dem Bereich Action, der fernöstlichen Martial Art
und dem Mafiagenre. In diesen Filmen geht es oft um Kampf, Kampfkünste und Gewalt. Und genau diese filmische Visualisierung von Kraft, Aggression, Schmerz, Kontrollverlust und Verletzung setzt Viviane Gernaert in ihren Skulpturen um. Dieses Vorhaben ist nicht einfach: auf der einen Seite hat man eine bewegte, filmische Vorlage, auf der anderen Seite ein – eigentlich – unbewegtes Objekt. Nun stellt sich die Frage, wie man die hohe dynamische Geschwindigkeit kämpferischer Szenen in eine starre Formübersetzen kann. Das geeignete Grundmaterial für diese mediale Übertragung fand Viviane Gernaert in Styropor; die geeignete Oberflächenstruktur erschafft sie durch das Formen und Aussteifen von Stoff. In Filmen von z.B. Quentin Tarantino oder David Lynch sucht sie gezielt nach Szenen, in denen sie den Höhepunkt einer Bewegung
stellvertretend für die gerade stattfindende Handlung extrahiert. Dadurch, dass dieser Moment skulptural umgesetzt und in den realen Ausstellungsraum überführt wird, wird die Darstellung auf eine unmittelbarere Ebene der Wahrnehmung gehoben. Auf den ersten Blick wirken die weißen Skulpturen unschuldig und geben keinen Hinweis auf ihre Vorlage. Erst beim genaueren Betrachten offenbart sich auf einer zweiten Ebene der Grund für die wirbelnden Posen. Der
Betrachterblick, der im Film häufig durch bildliche und ästhetische Mittel gelenkt wird, wird auch in den Skulpturen geführt. Dabei ästhetisiert und überhöht Viviane Gernaert diese fiktive, filmische Brutalität und Gewalt und verweist auf die Ambivalenz zwischen Darstellung und Dargestelltem. Im
Film gibt die Kameraeinstellung in der Regel eine bestimmte Perspektive vor. Durch die Überführung der Figur in die Dreidimensionalität muss Viviane Gernaert die fehlenden Blickebenen und Perspektiven neu erschaffen. An der Arbeit „Elle and I“ (die Vorlage stammt aus Quentin Tarantinos „Kill Bill“) werden die im Film vorhandenen Bewegungsunschärfen in die Form und Oberfläche der Arbeit mit aufgenommen. So sind dabei einzelne Partien genauer ausgearbeitet als andere. Ausgangspunkt der Pferd-Reiter-Skulptur „Sense of Honour I“ war eine der letzten Szenen in dem Film „Last Samurai“. Die Samurai
reiten auf das Kanonenfeuer zu, bereit, im Kampf – und damit in Ehre – ihr Leben zu lassen. Im Kampfgetümmel und in voller Bewegung kommt es zu vielen Stürzen. Pferd und Reiter unterliegen einer eigenen Dynamik, führen fast einen Tanz auf. Es entsteht eine spannungsreiche Gegenbewegung, die Pferd und Reiter auseinanderzieht und dennoch verbindet. Der Reiter fällt,
reißt noch am Zügel. Das Pferd stemmt sich dagegen, doch es ist klar, dass es ebenfalls stürzen wird. Die neueste Arbeit „Amores Perros I“ ist von Szenen des gleichnamigen Films inspiriert. Viviane Gernaert setzt auch hier filmische Bilder um; allerdings ändert sich jetzt das Material. Die kühle
glatte Oberfläche, die wie Porzellan anmutet, nimmt der dargestellten Szene durch die ästhetische Überhöhung auf den ersten Blick die Brutalität. Erst auf den zweiten Blick erschließt sich dem Betrachter, dass die scheinbar ruhige, grazile Skulptur zwei ineinander verbissene und verkeilte
Hunde sind, in einem Kampf auf Leben und Tod.

Kimberly Horton, geb. 1971, Video Installationen
Auch bei Kimberly Horton ist die Landschaft und Natur ein zentrales Thema. Geboren 1971 in Essen, wuchs sie in San Francisco auf, wo sie Fotografie studierte. Zurück in Deutschland folgte in Hamburg an der Hochschule für Bildende Künste das Studium bei Prof. Franz Erhard Walther.
Leitthema ihrer großformatigen Videoarbeiten ist das Reisen. Dabei geht es nicht um das Ziel der Reise, sondern um das Unterwegs-Sein in der Landschaft, um Bewegung, die Wahrnehmung der Natur, die damit verbundene Visualisierung von Raum und die Sehnsucht nach der Ferne, nach einem utopischen idealen Ort. Die in der Arbeit „Waldwandern II“ aneinandergereihten Landschaftsfotografien ziehen langsam am Betrachter vorbei und rufen das Gefühl hervor, als würde man in einem Bummelzug sitzen und aus dem Fenster in eine gemächlich vorbeigleitende Landschaft blicken. Die gezeigten Orte – Landschaften aus unserer Klimazone – sind nicht genau zuzuordnen. Durch die Überlagerung von zwei Bild-Schichten, die sich unterschiedlich schnell bewegen, spielt Kimberly Horton mit der
Wahrnehmung des Betrachters und suggeriert noch mehr Bewegung. In der Kombination von nahen und entfernten Ansichten entstehen immer neue, dynamische Kombinationen aus üppigdichten, grünen Wäldern; utopische Landschafts-Räume, in denen sich Frühling, Sommer, Herbst und Winter mischen. Sie ziehen vorbei wie ein Vorhang, bei dem man den Blick auf die Schicht davor oder dahinter richten kann, oder aber beides auf sich wirken lassen kann. Es sind Landschaften, die man aus dem Alltag kennt, die aber in seiner Hektik oft unbeachtet an uns vorüberziehen. In erster Linie sind Kimberly Hortons Landschaften menschenleer, nur selten sieht
man durch eine Straße, Eisenbahnschienen, einen Feldweg oder eine Brücke den Eingriff des Menschen in die Natur. Doch Kimberly Horton will nicht nur schöne, ästhetische Landschaften zeigen. Kleine Brüche, wie die sichtbaren Kanten der einzelnen Bilder, schleichen sich überall ein und verhindern das Bild einer perfekten glatten Welt. Kimberly Horton führt hier die Fotografie an die Grenze zum Film. Ist ein langsam bewegtes Foto immer noch ein Foto, oder schon ein Film? Wenn man reist und unterwegs fotografiert, macht dieses Reisefoto das Reisen an sich wieder zu etwas
Zweidimensionalem, bannt es auf das Foto, hält die Bewegung, das Vorankommen, an. Durch die Überführung der Fotografie in die Videoinstallation versucht die Künstlerin, dieses Dilemma aufzuheben. Sie versucht, Grenzen zu überschreiten, auch die Grenzen zwischen dem Innen und außen, nicht nur zwischen Mensch und Landschaft, sondern auch die sich innerhalb einer Person findende Rastlosigkeit. Die beiden Fotografien aus der Gruppe „long exposures“ zeigen in Langzeitbelichtung Oasen und
Landschaften innerhalb des urbanen Alltagsraums. In dem Spannungsfeld von Zeit und Raum erhält die Natur, wie hier sich im Wind bewegende Bäume, durch die Unschärfe eine malerische Qualität und steht im Kontrast zu den konkreten Bezugspunkten der menschlichen Umgebung – wie hier eine Parkbank.

Helge Emmaneel, geb.1969, Photographien
Helge Emmaneel, geboren in Essen. Nach einer 2jährigen Assistenz bei dem Maler und Bildhauer Ernst Oldenburg war Helge Emmaneel Fotoassistent bei Ralf Steinhoff. Seit 2001 lebt er als freischaffender
Künstler in Hamburg. Seine seriellen Fotografien kreisen um das Thema Landschaft, besonders um Meerlandschaften und ihre unberührte Natur, in der man die Spuren des Menschen noch nicht wahrnimmt. Und um
die Wahrnehmung geht es Helge Emmaneel. Die leicht abstrahierten Landschaften geben keinen Hinweis auf den genauen Ort. Doch das ist hier auch nicht wichtig. Der Betrachter soll die Bilder weder kategorisieren noch analysieren. Vielmehr geht es darum loszulassen, und einen flüchtigen
Moment, eine bestimmte Stimmung auf- und wahrzunehmen. Darum – wie Henri Cartier-Bresson sagte – „die ganze Welt in einem einzigen Augenblick festzuhalten“. Um eine Fokussierung auf die Wahrnehmung dieser Stimmungen zu ermöglichen, blendet Helge Emmaneel jegliche Art von
Störungen, also auch eventuelle Spuren menschlichen Lebens, aus. Durch diese Ausblendung schafft er ein Bewusstsein dafür, dass es eine unberührte Natur, eine ideale Landschaft, eigentlich fast nicht mehr gibt, und wie gedankenlos unsere Zivilisation und heutige Welt mit den Ressourcen der Natur umgeht. An den Meerlandschaften fasziniert Helge Emmaneel vor allem die „unerschöpfliche Veränderbarkeit des Meeres“. An der Nord- und Ostsee, in Irland oder auf den Kanarischen Inseln sucht er die kleinen Momente, in denen, so sagt er: „sich Farben und Formen der Natur, das zufällige Zusammenspiel des Lichts, des Wassers, der Wolken und des Windes sich zu einer Komposition verdichten“. Photographie kommt ja aus dem Griechischen und heisst „mit Licht malen“, und das macht Helge Emmaneel. Ursprünglich aus der Malerei kommend, vermittelt er in seinen Arbeiten formal eine malerische Qualität. Als die Fotografie erfunden wurde, reagierte die Malerei zum Teil darauf, indem auch sie sich in eine realistische Darstellungsrichtung und somit auf die Fotografie zu
bewegte. Helge Emmaneel geht den umgekehrten Weg, schafft eine Rückkopplung zwischen Malerei und Fotografie: man weiß im ersten Moment nicht unbedingt, um welches Medium es sich handelt. Dabei sind die meist großformatigen Fotografien nicht digital nachbearbeitet. Alle Effekte entstehen während er fotografiert. Ohne Stativ entsteht durch extrem lange Belichtungszeiten und leicht verschobene Doppelbelichtungen der Eindruck einer flüchtigen Begegnung und Bewegung. Helge Emmaneel dekonstruiert seine Motive. Dadurch mischen sich in der Unschärfe Farben und Formen, und der Betrachter erhält die Möglichkeit, seine innere Idee, die er von den Dingen hat, mit der gezeigten Welt abzugleichen.
Gegenüberstellung
Was alle drei Künstler eint, ist die Beschäftigung mit Bewegung, Stillstand, Licht, Zeit und Raum. Allen drei geht es um das Sehen, um die Wahrnehmung, wenn auch die Herangehensweise und Umsetzung eine ganz unterschiedliche ist. Die Arbeiten von V.G. und H.E. wirken auf den ersten Blick geradezu konträr: V.G. überführt eine filmische Darstellung in skulpturale Realität, während H.E. das zufällige Zusammenspiel von Form, Farbe und Licht fotografisch vereint. Sowohl Fotografie als auch Film verbinden sich wiederum in den bewegten Bildern von Kimberly Horton.
Alle drei fixieren einen flüchtigen Moment und ästhetisieren das Dargestellte, zum großen Teil durch Unschärfe. V.G. bedient sich der Unschärfe zur Simulierung von Bewegung in der Form ihrer Skulpturen, H.E. und K.H. erzeugen Unschärfe und damit Bewegung u.a. durch Langzeitbelichtungen. Ein grundlegender Unterschied ist jedoch der dabei gewählte Moment, ein Gegensatz von Bewegung und Stillstand: bei H.E. ist es Entschleunigung, bei V.G. der Höhepunkt einer Beschleunigung. K.H. wiederum zeigt in ihren Videoarbeiten Momente verschiedener
Geschwindigkeiten, die sich überlagern.
„stopped and found“ heißt die Ausstellung, und innegehalten und seinen eigenen Blick gefunden hat jeder der drei. Sie sind nun eingeladen, darin einzutauchen und dann Ihren ganz eigenen Blick auf die Wirklichkeit zu kreieren und auch zu hinterfragen.
Texte: Anna Wondrak M.A. | Kunsthistorikerin | München | 2010
11. January 2010, 10:44 Uhr